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Zehn Thesen zur Zukunft der Marktforschung
Die Marktforschung, als Kind der Industriegesellschaft, bezieht ihre Legitimation aus der großen Erzählung der Moderne. Doch diese Erzählung beschreibt die Wirklichkeit, auch die der Marktforschung im 21. Jahrhundert nicht mehr. Der Schauplatz der Marktforschung hat sich aus dem euklidischen Raum der Moderne verabschiedet und ist in die Datenbanken, Netzwerke und Social Communities weitergezogen. Es ist Zeit für die institutionalisierte Marktforschung, die Zelte abzubrechen und der Wirklichkeit nachzuziehen. „Official culture still strives to force the new media to do the work of the old media. But the horseless carriage did not do the work of the horse; it abolished the horse and did what the horse could never do.“ (H. Marshall McLuhan) 1. Allverfügbarkeit des Wissens. 2. Ständige Beta-Versionen. 3. Nutzer werden das, was Institute früher waren. 4. Unternehmen verlieren ihre klaren Grenzen zu Medien, Politik und Öffentlichkeit. „Force and violence are justified in this [oiconomic] sphere because they are the only means to master necessity.” (Hannah Arendt) In ihrem Hauptwerk „Vita Activa“ beschreibt Hannah Arendt den Oikos, die Wirtschaftswelt, als jenen Bereich, in dem es darum geht, sich zu ernähren und zu überleben, und der keine Ethik kennt als die des Überlebens. Im Gegensatz dazu steht die Polis für das Prinzip des zweckfreien Zusammenlebens in Würde: der öffentliche Raum, in dem der Oikos mit seinen Notwendigkeiten nichts verloren hat. Wenn Unternehmen wie Google oder Facebook zu relevanten und zunehmend einzig relevanten Kommunikationskanälen werden, übernehmen sie tendenziell die Rolle öffentlicher Infrastruktur. Dabei entziehen sie sich, nur ihren Gesellschaftern verantwortlich, fast vollständig einer gesellschaftlichen, wertebasierten Diskussion, mit der Konsequenz, dass Entscheidungen kaum mehr nach ethischen Grundsätzen getroffen werden können. Gerade, was das Thema Forschungsethik betrifft, ist zu fragen, ob unsere traditionellen Formen demokratischer Kontrolle auf Basis der Werte, die wir für wichtig halten, heute noch durchsetzbar sind – und falls nicht, wie wir daran vielleicht etwas ändern können. 5. Zielgruppen werden zu Gemeinschaften. 6. Das Ende der Erhebung durch Petabyte-Speicher und Teraflop-Datenbank. 7. Korrelationen sind die neuen Kausalitäten. 8. Das Ende der Modelle: Die Zeit der Experten ist vorbei. 9. Objektivität wird zu einer nostalgischen Erinnerung. 10. Wir brauchen eine neue Forschungsethik. Dr. Benedikt Köhler, Ethority, und Dr. Jörg Blumtritt, Tremor Media in BVM inbrief, Ausgabe August 2010, S. 4-5 Kommentare zur These 4, „Unternehmen verlieren ihre klaren Grenzen zu Medien, Politik und Öffentlichkeit“: | ||