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Zehn Thesen zur Zukunft der Marktforschung

Die Marktforschung, als Kind der Industriegesellschaft, bezieht ihre Legitimation aus der großen Erzählung der Moderne. Doch diese Erzählung beschreibt die Wirklichkeit, auch die der Marktforschung im 21. Jahrhundert nicht mehr. Der Schauplatz der Marktforschung hat sich aus dem euklidischen Raum der Moderne verabschiedet und ist in die Datenbanken, Netzwerke und Social Communities weitergezogen. Es ist Zeit für die institutionalisierte Marktforschung, die Zelte abzubrechen und der Wirklichkeit nachzuziehen.

„Official culture still strives to force the new media to do the work of the old media. But the horseless carriage did not do the work of the horse; it abolished the horse and did what the horse could never do.“ (H. Marshall McLuhan)
      1. Allverfügbarkeit des Wissens.

      2. Ständige Beta-Versionen.

      3. Nutzer werden das, was Institute früher waren.

      4. Unternehmen verlieren ihre klaren Grenzen zu Medien, Politik und Öffentlichkeit.

      5. Zielgruppen werden zu Gemeinschaften.

      6. Das Ende der Erhebung durch Petabyte-Speicher und Teraflop-Datenbank.

      7. Korrelationen sind die neuen Kausalitäten.

      8. Das Ende der Modelle: Die Zeit der Experten ist vorbei.

„Nur beim Dilettanten decken sich Mensch und Beruf.“ (Egon Friedell)

Theoriefreie Marktforschung, wie eben angerissen, ist möglich. Um von den neuartigen Datenmengen und Werkzeugen profitieren zu können, muss der künftige Marktforscher agieren wie ein Hacker, der Schnittstellen, Daten und IT-Infrastrukturen kreativ nutzt, um etwas zu erreichen, das von der Technik eigentlich nicht vorgesehen war.



      9. Objektivität wird zu einer nostalgischen Erinnerung.

      10. Wir brauchen eine neue Forschungsethik.


Dr. Benedikt Köhler, Ethority, und Dr. Jörg Blumtritt, Tremor Media in BVM inbrief, Ausgabe August 2010, S. 4-5
 

Kommentare zur These 8, „Das Ende der Modelle: Die Zeit der Experten ist vorbei“:    
Daniel   schrieb am   03.09.2010   um   15:44Uhr:


Verstehe einmal mehr nicht den Zusammenhang zwischen dem Zitat und dem angeblichen Widerspruch zwischen Expertise und Forschungsparadigma. Bzgl. Modellierung wird sicher auch in Zukunft Prognosevalidität ein Maßstab für die Güte von Forschung bleiben.
Stephan Götze   schrieb am   25.09.2010   um   10:36Uhr:


Jede Forschung ohne Theorie ist ein Stochern im Nebel. Der Mensch ist und bleibt Mensch, auch im Netz. Er hat ein Hirn und ein Herz, mit Informationsverarbeitungprozessen, Neurologie, Emotionen, Gedächtnis und sozialen Einflüssen, und Ressourcen. Das ändert sich nicht durch das Web. Es ist vielmehr so, wie bei der Einführung des Buchdrucks, des Telefons, der Faxgeräte, des TV, des Radios: Wir haben mit dem Web, und diesen neuen Tools, einen schönen neuen Kommunikationsweg - in dem aber die alten Gesetze gelten, nicht mehr und nicht wengier. Die neuen Webbies, die oft aus dem IT Bereich kommen oder jung sind, laufen begeistert herum, nicht wissend was sie alles nicht wissen, und posaunen, jetzt wäre alles anders. In ein par Jahren, wenn auch aus Web-Research abgeleitete Schlüsse den Test oft time nicht bestanden und die Web-Researcher vor einem wütenden Kunden stehen, sprechen wir uns nochmal.